1941: Erste Deportationen von Juden aus Nordwestdeutschland

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Die am 23. Oktober 1941 aus Emden deportierten Juden auf dem Weg zum Bahnhof (Stadtarchiv Emden, Ausschnitt aus einem Artikel der Ostfriesischen Tageszeitung vom 11.02.1942)

Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 begann der systematische Völkermord an den europäischen Juden. Fielen in den besetzten sowjetischen Gebieten zunächst vor allem Männer den Mordaktionen von Einsatzgruppen sowie SS- und Polizeieinheiten zum Opfer, ging es bald darum, die gesamte jüdische Bevölkerung zu vernichten. Diese Radikalisierung beeinflusste die Überlegungen zur „Endlösung der Judenfrage“ im Deutschen Reich.

Von erzwungener Emigration zu systematischer Mordpolitik

Der ständig steigende administrative Druck, verbunden mit willkürlichen Gewaltaktionen, hatte bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 das Ziel gehabt, die jüdische Bevölkerung unter totaler Ausplünderung zur Emigration zu zwingen. Nun, nach dem Überfall auf die Sowjetunion, schalteten Staats- und Parteiführung auch gegenüber den deutschen Juden auf direkte Mordpolitik um. Das Mittel dazu waren Deportationen in die Ghettos in den besetzten Gebieten Polens und des Baltikums. Dort wurde durch systematisches Aushungern und teils auch durch Massenerschießungen bedenkenlos die örtliche jüdische Bevölkerung ermordet, um Platz zu schaffen.

Der Beginn der Deportationen

Mitte Oktober 1941 begann die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Deutschland. Das Ziel war noch nicht die sofortige Ermordung an den Ankunftsorten. Dennoch war den beteiligten Behörden klar, dass die Frauen, Männer und Kinder nicht mehr zurückkehren würden. Das zeigt die Verteilung der bisher von den Familien bewohnten Häuser und Wohnungen ebenso wie die öffentliche Versteigerung des zurückgebliebenen Besitzes. Die ersten Jüdinnen und Juden aus Nordwestdeutschland wurden am 23. Oktober 1941 über Berlin in das Ghetto Litzmannstadt (heute: Łódź in Polen) transportiert. Am 15. Dezember verließ der letzte Transport des Jahres 1941 Hannover. Mit ihm werden 1001 Menschen in das Ghetto Riga gebracht.

Bielefeld: Der Deportationszug auf dem Bahnhof. (Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld 1941, Bd. 2, Nr. 20, 23 / https://www.bielefeld.de/de/biju/stadtar/rc/rar/01122011.html)

Die Biografien der Opfer

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten würdigt die Opfer der Deportationen des Jahres 1941, indem an exemplarischen Biografien Vorgeschichte und Folgen der Verschleppung veranschaulicht werden. Deutlich wird, dass mit der stufenweisen Entrechtung der deutschen Juden seit 1933 auch eine zunehmende soziale Isolation und der Ausschluss aus dem öffentlichen Leben verbunden waren. Letzte Station waren oftmals „Judenhäuser“, in denen diejenigen Menschen, denen es nicht gelungen war, rechtzeitig Deutschland zu verlassen, zusammengepfercht auf engstem Raum leben mussten. Vormals angesehene Bürger waren schutzlos der Willkür von SA, SS und Polizei, aber auch Schikanen von Nachbarn und Mitbürgern ausgesetzt. Nur einzelne haben die Deportation und den Holocaust überlebt.

Das Projekt

Zahlreiche Gedenkstätten, Initiativen und Einzelpersonen haben das Projekt unterstützt, indem sie die Schicksale der Opfer rekonstruiert haben. Die Biografien können Ausgangspunkt sein, um Genaueres über die Situation der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Orten vor und nach 1933 herauszufinden: Welche Berufe haben die Menschen gehabt? Haben Sie öffentliche Ämter bekleidet oder am Vereinsleben teilgenommen? Hat sich das Verhalten von Freunden und Nachbarn ab 1933 verändert? Wie hat die sich ständig radikalisierende antisemitische Politik das Leben beeinflusst? Wie wurden einschneidende Ereignisse wie die Novemberpogrome 1938 erlebt? Was folgte auf die Deportation? Auf diese und weitere Fragen können die hier gesammelten Biografien keine erschöpfende Auskunft geben. Aber sie bieten Ansätze zur weiteren Recherche und weisen in ihrer kurzen, prägnanten Darstellungsform auf Schlüsselerlebnisse hin, die das Schicksal der Menschen beeinflusst und oft über Leben und Tod entschieden haben.

 

Weiterführende Links:

Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich (Transportlisten)

Forschungsprojekt Yad Vashem: Transporte von jüdischen Deportierten (Karten und weitere Informationen)

 

Weiterführende Literatur:

Alfred Gottwald / Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945. Eine kommentierte Chronologie. Wiesbaden 2005

 

Dr. Jens Binner (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten)