1943: Die Deportation der Sinti nach Auschwitz

Am 16. Dezember 1942 ordnete Heinrich Himmler die reichsweite Deportation von Sinti und Roma in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an. Kurze Zeit später begannen im März 1943 auch in Nordwestdeutschland die Verhaftungen. Die Maßnahmen gegen die Sinti trafen auf breite Zustimmung der Mehrheitsgesellschaft, denn es handelte sich um eine Gruppe, die aufgrund von Vorurteilen und rechtlicher Diskriminierung bereits seit langem am Rande der Gesellschaft leben musste.
Deportation von Sinti und Roma aus Remscheid nach Auschwitz-Birkenau im März 1943 Foto: Stadtarchiv Remscheid

Deportation von Sinti und Roma aus Remscheid nach Auschwitz-Birkenau im März 1943. Foto: Stadtarchiv Remscheid

Der „Festsetzungserlass“ aus dem Jahr 1939

Zur unmittelbaren Vorgeschichte der Deportationen gehört der sogenannte „Festsetzungserlass“ des Reichssicherheitshauptamtes vom Oktober 1939, der die Einrichtung von speziellen Sammellagern für Sinti und Roma vorsah. Diese Anordnung führte vielerorts zur Vertreibung der Sinti und Roma aus ihren Häusern und Wohnungen. Stattdessen mussten sie nunmehr in notdürftigen Behausungen am Rande der Ortschaften leben. Im heutigen Niedersachsen entstanden derartige Sammellager in Osnabrück, Braunschweig, Oldenburg und Hannover.

Entrechtung und Ausgrenzung seit 1933

Die nach rassistischen Kriterien als „Zigeuner“ eingestuften Menschen unterlagen seit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland vielfältigen Maßnahmen mit dem Ziel, sie aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen. Die Nationalsozialisten konnten damit an eine jahrhundertealte Tradition der Ausgrenzung anschließen. Die 1936 gegründete „Rassenhygienische Forschungsstelle“ lieferte die pseudowissenschaftlichen Begründungen für die Verfolgung. Sie erfasste die Sinti und Roma im gesamten Deutschen Reich und stufte sie nach rassistischen Kriterien als „minderwertig“ und „primitiv“ ein.

Aktion „Arbeitsscheu Reich“ 1938

Im Jahr 1938 wurden in einer reichsweiten Aktion zahlreiche Menschen verhaftet, die von den Behörden als „arbeitsscheu“ oder „asozial“ bezeichnet wurden. Viele Gemeinden und Städte nutzten diese Aktion, um die in ihrem Bereich lebenden Sinti und Roma inhaftieren zu lassen. In ihrer von Vorurteilen geprägten Sicht galten sie ihnen als Belastung und Gefahr. Die Verhafteten wurden in die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau eingeliefert.

Deportationen 1943

Das Ziel der familienweise durchgeführten Deportationen war das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort war ein sogenanntes „Zigeunerfamilienlager“ eingerichtet worden, in dem Männer, Frauen und Kinder gemeinsam lebten. Die Sinti und Roma wurden zu schwersten Zwangsarbeiten herangezogen und waren ständig vom Tod in der Gaskammer bedroht. Etwa 20.000 Sinti und Roma starben in Auschwitz an den unzureichenden Lebensbedingungen oder wurden ermordet.

Sinti und Roma in der deutschen Gedenkkultur

Die Sinti und Roma mussten lange kämpfen, bis die nationalsozialistische Politik ihnen gegenüber als Völkermord anerkannt wurde. Noch lange nach 1945 waren behördliches Handeln und gerichtliches Urteilen von rassistischem Gedankengut geprägt, das Sinti und Roma von Rehabilitation und Entschädigungen ausschloss.

Erst in den 1970er Jahren erlangte die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma Aufmerksamkeit für die Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus, was 1982 zur (erstmaligen) Anerkennung des Völkermords durch die Bundesregierung führte. Danach dauerte es noch einmal dreißig Jahre, bis 2012 in Berlin ein zentrales Mahnmal eingeweiht wurde, das an die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma erinnert.

Dr. Jens Binner (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten)

Auf dieser Website finden Sie außerdem zum Thema:
Projekt „Kompetent gegen Antiziganismus/Antiromaismus (KogA) – in Geschichte und Gegenwart“
Seminarangebot „Antiziganismus. Von der Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus bis heute“
Thementext: „Antiziganismus“ von Franziska Göpner
Bildungsmaterialien aus Niedersachsen: „Die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus“