Biografien

Die Deportationen in die Vernichtungslager bildeten im nationalsozialistischen Deutschland für verschiedene Bevölkerungsgruppen den Abschluss einer radikalisierten Diskriminierung und Entrechtung. Das Ziel war eine nach rassistischen Kriterien „reine Volksgemeinschaft“. Nur wenige der Verschleppten überlebten den Massenmord.

Die Biografien der Opfer aus Nordwestdeutschland zeigen den Prozess der stufenweisen Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Die prägnant gehaltenen Texte beantworten dabei nicht alle Fragen. Sie können aber als Ausgangspunkt für weitere Recherchen vor Ort dienen.

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Hulda Franz (Hilda Stolte)

aus
1931 ‐ 1943
Verfolgt als Sintizza

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Hulda Franz kam in eine Pflegefamilie, weil sie an einer angeborenen Erkrankung litt, die eine aufwändige Behandlung notwendig machte. Bei ihren Pflegeeltern hieß sie Hilda Stolte, wurde eingeschult, feierte ihre Erstkommunion und wurde auch in den Bund Deutscher Mädel (BDM) aufgenommen. Bei den Behörden war sie jedoch weiterhin als Sintizza registriert. Im März 1943 wurde sie gegen den Protest ihrer Pflegefamilie verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Dort starb sie im Juni 1943.

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Margot Anita Schwarz, geb. Franz

aus
1924 ‐ 2002
Verfolgt als Sintizza

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Margot Schwarz gehörte zu den wenigen Überlebenden des Völkermordes an den Sinti und Roma. Nach 1945 versuchte sie, der anhaltenden Diskriminierung etwas entgegenzusetzen. Sie trat als Zeitzeugin auf, gab mehrere ausführliche Interviews und engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma. Im Jahr 2002 starb sie in Oldenburg.

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Wolfgang Helmut Mirosch (auch Mirusch)

aus
1935 ‐ 1943
Verfolgt als Sinto

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Wolfgang Mirosch kam im Alter von sieben Monaten zu Pflegeeltern im Landkreis Lüneburg. Ein knappes halbes Jahr nach seiner Einschulung im August 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert. Sein Leben hat wenig Spuren hinterlassen. Durch ein Schulprojekt konnten jedoch noch Fotos aufgefunden werden, auf denen er zu sehen ist. Heute erinnern eine Gedenktafel und ein Stolperstein an sein kurzes Leben. Wolfgang ist in Auschwitz kurz vor seinem achten Geburtstag verhungert.

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Heinrich Winter

aus
1891 ‐ 1943
Verfolgt als Sinto

Über Heinrich Winter ist wie bei vielen Sinti nicht viel bekannt. Er war von Beruf Händler, arbeitete aber auch als Fahrer und Schausteller. Zeitweise lebte er in Holland, wo er auch heiratete. Aufgrund des sogenannten Festsetzungserlasses des Reichssicherheitshauptamtes wurde die Familie 1942 in die Barackensiedlung „Papenhütte“ am Stadtrand von Osnabrück umgesiedelt.
Heinrich Winter überlebte die Deportation nach Auschwitz nur um wenige Monate. Er starb dort im Dezember 1943.

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Georg Frank

aus
1906 ‐ 1943
Verfolgt als Sinto

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Georg Frank war Artist und ging mit seiner Familie von Leer aus auf Tournee in Ostfriesland. Die Vorstellungen fanden in einer Manege unter freiem Himmel statt. Als Georg Frank zur Wehrmacht eingezogen wurde, lebte die Familie in Zetel. Ihre zwei Wohnwagen standen dort auf dem Geländes eines Landwirtes. Die Ehefrau und die sechs Kinder trafen bei ihrer Deportation in Bremen ihren Mann und Vater wieder. Keiner von ihnen hat das KZ Auschwitz überlebt.

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Anna Schmidt

aus
1906 ‐ 1943
Verfolgt als Sintizza

Anna Schmidt hatte mit ihrem Mann Johann Weiß drei Kinder. Doch eine standesamtliche Heirat wurde ihnen aus „rassischen Gründen“ verweigert. Die Familie wurde gemeinsam nach Auschwitz deportiert. Dort starb Anna Schmidt nach kurzer Zeit an Fleckfieber. Auch alle drei Kinder kamen dort um. Nur Johann Weiß überlebte den Krieg. Er war von Auschwitz nach Buchenwald gebracht worden.

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Maria Imker, geb. Christin

aus
1907 ‐ 1944
Verfolgt als Sintizza

Maria Imker mit ihren Töchtern Gertrud und Adelheid (Privatbesitz)

Am 1. März 1943 wurden die Osnabrücker Sinti verhaftet und deportiert. Maria Imker konnte zunächst entkommen. Ihr siebenjähriger Sohn Arthur lag zu dieser Zeit im Marienhospital und als die Verschleppungen begannen, war sie beim ihm am Krankenbett. Doch der Aufschub währte nur kurz: drei oder vier Tage später wurde auch sie nach Auschwitz deportiert. Dort starben Maria, ihr Mann Wilhelm und die Kinder Gertrud, Adelheid und Konstantin. Nur Arthur blieb in Osnabrück zurück und überlebte.

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Karl Weiß

aus
1885 ‐ 1943
Verfolgt als Sinto

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Karl Weiß war Besitzer von zwei Mehrfamilienhäusern in Osnabrück. Damit gehörte er zu den vermögendsten Sinti der Stadt. Nach seiner Deportation erfasste die Kriminalpolizei Osnabrück die Sachwerte, die er zurücklassen musste. Der Gesamtwert betrug 11.650 RM und damit ungefähr das Fünffache eines damaligen durchschnittlichen Jahreslohns.
Karl Weiß wurde am 1. März 1943 im Alter von 57 Jahren nach Auschwitz deportiert. Dort starb er bereits am 3. Mai.

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Franziska Reiminius

aus
1931 ‐ 1944
Verfolgt als Sintizza

Personalbogen der „Hilfsschule“ in Lüneburg, 1939

„Eine isolierte Stellung wird sie immer haben. Die Kinder sehen in ihr die ‚Zigeunerin‘.“: Mit diesen Worten beschrieb die Lehrerin die Position der elfjährigen Franziska Reiminius in ihrer Klasse der Hilfsschule in Lüneburg. Franziska wohnte zu dieser Zeit mit ihren Eltern und fünf Geschwistern in einem Wohnwagen am nördlichen Stadtrand. Ihre Deportation im März 1943 war der Schule keine Notiz in ihren Unterlagen wert. Franziska Reiminius starb im Januar 1944 im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau.

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Martha Lipmann, geb. Spier

aus
1889 ‐ 1944
Verfolgt als Jüdin

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Der Ehemann von Martha Lippmann, Gustav, wurde bei seinem Tod 1926 als angesehener Kaufmann gewürdigt, der zahlreiche öffentliche Positionen bekleidet hatte. Zehn Jahre später waren die drei Kinder des Ehepaares aus Deutschland geflüchtet. Die Emigration von Martha Lipmann scheiterte einen Monat vor ihrer Deportation. Sie wurde 1944 im KZ Stutthof ermordet.

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