Aktuelle Erscheinungsformen

Die Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung hat vielfältige Spuren hinterlassen, bei den Betroffenen und ihren Angehörigen, aber auch in der Mehrheitsgesellschaft. Erst die in den 1970er Jahren entstehende Bürgerrechtsbewegung hat die Öffentlichkeit für eine kritische Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Genozid und eine Würdigung dieser Opfergruppe geschaffen. In diesem Zusammenhang kommt insbesondere der Gedenkfeier in der Gedenkstätte Bergen-Belsen im Oktober 1979 eine wichtige Bedeutung zu.

Jedoch werden Sinti/Sintize und Roma/Romnja heutzutage noch immer vielfach als fremd und nicht angepasst wahrgenommen – die lang tradierten Bestandteile dieses „Zigeuner“-Bildes sind noch immer wirksam. Abwertende Zuschreibungen, aber auch romantisierende Bilder, etwa von einer vermeintlichen „Freiheit“ und „Ungebundenheit“, sind weit verbreitet und werden medial und kulturell vielfach reproduziert. Repräsentative sozialwissenschaftliche Studien verweisen auf Zustimmungswerte zu diskriminierenden Einstellungen gegenüber Sinti/Sintize und Roma/Romnja bei der deutschen Bevölkerung von bis zu 55 Prozent, beispielsweise zur Aussage „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“. Im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung und den Diskussionen um die Freizügigkeit für Arbeitnehmer_innen hat sich eine ressentimentbeladene Debatte um die sogenannte Armutsmigration entfaltet, in der bekannte antiziganistische Bilder und Zuschreibungen von Armut, Kriminalität, Schmutz usw. reproduziert werden.

In der Debatte werden soziale Probleme entlang ethnischer und kultureller Zugehörigkeiten bzw. Zuschreibungen verhandelt. Als marginalisierter Minderheit bleibt den Roma und Romnja in vielen europäischen Ländern der Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen verwährt. Diese antiziganistischen Ressentiments stellen eine reale Bedrohung für die Betroffenen dar – insbesondere in Südosteuropa gab es in den letzten Jahren wiederholt rassistisch motivierte Angriffe gegen Roma und Romnja.

Im Sprechen über die Personengruppen zeigt sich häufig, dass diese als einheitliche Gruppe mit wesenhaften Merkmalen dargestellt werden, was die Diversität und Realität von Lebensweisen der Sinti/Sintize und Roma/Romnja verkennt.