Was ist Antiziganismus?

Antiziganismus ist ein mehrdimensionales und historisch gewachsenes soziales Phänomen und umfasst einen Komplex an Ressentiments und daraus folgenden (gewalttätigen) Handlungen gegenüber Sinti/Sintize, Roma/Romnja und anderen Personengruppen. Zunächst beschreibt der Begriff die Wahrnehmung und Darstellung bestimmter Personen und Personengruppen unter dem stigmatisierenden Ausdruck „Zigeuner“. An diese Konstruktion einer Fremdgruppe ist die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften wie beispielsweise Armut, Nicht-Sesshaftigkeit, Ungebundenheit oder eine von der Norm abweichende Lebensweise geknüpft. Antiziganismus bezeichnet damit sowohl die Bilder, die sich andere Menschen von vermeintlichen „Zigeunern“ machen, als auch die darauf begründete Praxis der Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung der Betroffenen. Antiziganismus ist gekennzeichnet durch ein Konglomerat abwertender Stereotypen, das kulturell über Jahrhunderte vermittelt worden ist und auch heute noch eine Wirksamkeit entfaltet. Die Formen antiziganistischer Diskriminierung wenden sich insbesondere gegen Sinti/Sintize und Roma/Romnja, aber auch andere Personen, denen eine „unangepasste“ Lebensweise unterstellt wird.

Sinti/Sintize und Roma/Romnja sind Selbstbezeichnungen, wobei Roma die größte ethnische Minderheit in Europa benennt, für die beispielsweise eine gemeinsame Sprache, das Romanes, charakteristisch ist. Sinti und Sintize sind eine Untergruppe der Roma, die seit Beginn des 15. Jahrhunderts in Deutschland lebt. Der deutsche Ausdruck „Zigeuner“ hingegen ist stark abwertend besetzt und wird aus diesem Grund von den meisten Roma und Romnja abgelehnt.

Transparent mit dem Motto der Gedenkfeier und Kundgebung zur Erinnerung an den Völkermord an den Sinti und Roma in der Gedenkstätte Bergen-Belsen, 27. Oktober 1979. Foto: Uschi Dresing

Transparent mit dem Motto der Gedenkfeier und Kundgebung zur Erinnerung an den Völkermord an den Sinti und Roma in der Gedenkstätte Bergen-Belsen, 27. Oktober 1979. Foto: Uschi Dresing

Der Begriff des Antiziganismus hat sich wissenschaftlich seit den 1980er Jahren weitgehend durchgesetzt und verknüpft sowohl sozial- und kulturwissenschaftliche als auch historische Perspektiven auf die Diskriminierung und Verfolgung. Gleichwohl ist er als Begriff nicht unumstritten, weil er von der Wortbildung her selbst auf dem Konstrukt des „Zigeuners“ aufbaut.