Anmerkungen zum quellenkritischen Arbeiten

Wie in der historisch-politischen Bildung generell ist auch in der pädagogischen Arbeit mit biografischen Materialien eine quellenkritische Perspektive grundlegend. Die Auswahl der Quellen und deren Einbettung in den pädagogischen Rahmen sind abhängig von der jeweiligen Gruppe, deren Zusammensetzung, Hintergründe und dem spezifischen historischen Vorwissen. Eine quellenkritische Herangehensweise bezieht den Entstehungskontext und -hintergrund des Dokuments mit ein und macht die Subjektivität der Darstellung deutlich. Weiterhin ist es sinnvoll, Informationen über den/die Autor_in der Quelle zur Verfügung zu stellen, beispielsweise über das Alter, den familiären Hintergrund, die Herkunft bzw. den geografischen und politischen Kontext. Da bei Video- oder Audiointerviews immer nur der Ausschnitt einer deutlich längeren Erzählung wiedergegeben werden kann, sind eine bewusste Auswahl und die Einbettung in den gesamten Gesprächsrahmen wichtig.

Im Zusammenhang mit biografischen Quellen von Opfern und Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen ist häufig von Empathie die Rede, womit die Offenheit zur Perspektivübernahme und das Sich-Einlassen auf die Geschichte und Erfahrungen der Person bezeichnet werden soll. Empathie meint dagegen keine Identifizierung mit der Person (sowohl durch den/die Pädagog_in, als auch die Teilnehmer_innen) bzw. keine zu starke Emotionalisierung der historischen Darstellung, die einer kritischen Vermittlung entgegensteht und insbesondere auf Jugendliche überfordernd wirken kann.

Es gibt Erinnerungen von Überlebenden, die nachgewiesenen historischen Tatsachen scheinbar widersprechen. Mit Blick auf eine quellenkritische Herangehensweise stellt sich hier jedoch nicht die Frage nach dem („Fakten-„)Wahrheitsgehalt eines solchen Berichts. Stattdessen kann in solchen Fällen eine Auseinandersetzung mit den Funktionsweisen von Erinnerungen und Verdrängen bzw. der Suche nach individuellen Erklärungen der Erlebnisse und Erfahrungen angeschlossen werden.

Die Arbeit mit biografischen Quellen von Täter_innen ist mit besonderen pädagogischen Herausforderungen verbunden. Die Einbeziehung solcher Dokumente kann einer Dämonisierung der Täter_innen und Taten vorbeugen und deutlich machen, dass es sich um „ganz normale Menschen“ gehandelt hat. Insbesondere mit Blick auf die Gruppe und deren Zusammensetzung ist jedoch eine hohe Sensibilität hinsichtlich der Auswahl der Dokumente gefragt. In der pädagogischen Arbeit sollten beispielsweise stigmatisierende und rassistische Begrifflichkeiten in der Sprache thematisiert wie auch mögliche Verteidigungs- bzw. Entlastungsstrategien der Person aufgezeigt werden.