Multiperspektivität

Häufig werden biografische Quellen als Ergänzung zu einer faktenbasierten und scheinbar objektiven Geschichtsdarstellung wahrgenommen, worüber Empathie mit den Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen gefördert werden soll. Dieser – lediglich „illustrative“ – Ansatz greift jedoch zu kurz und wird dem Gehalt dieser Quellen nicht gerecht. Historisch-politische Bildung hat die Vermittlung eines differenzierten Geschichtsbildes und kritischen Geschichtsbewusstseins zum Ziel, was beispielsweise durch den Einsatz vielfältiger Materialien und Quellen erreicht werden kann. Diese Multiperspektivität umfasst weiterhin eine Annäherung und Auseinandersetzung mit dem historischen Komplex des Nationalsozialismus und Holocaust mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten und unter Einbeziehung unterschiedlicher Blickrichtungen.

Insbesondere an KZ-Gedenkstätten hat der Einsatz biografischer Quellen in der historisch-politischen Bildung zum Nationalsozialismus häufig die Perspektive der Opfer und Verfolgten im Fokus. Dabei steht neben der Auseinandersetzung mit den Dynamiken und Ideologien der Verfolgung auch die Erinnerung und Würdigung der Opfer im Zentrum. Aus pädagogischer Perspektive ist es außerdem entscheidend, die Menschen nicht auf ihre Rolle als Opfer zu reduzieren, sondern in ihren Persönlichkeiten und mit ihren Entscheidungen wahrzunehmen. Biografische Quellen ermöglichen einen Zugang zu den Auswirkungen und Folgen der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, die bis in die Gegenwart hineinreichen und deutlich machen, dass die Geschichte 1945 nicht geendet hat.

Multiperspektivität kann auch durch den Einsatz von Quellen unterschiedlicher Gruppen und Personen erreicht werden, die beispielsweise als Juden/Jüdinnen, Sinti/Sitize, Roma/Romnija oder auch Homosexuelle verfolgt worden sind. Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Geschichten trägt zu einem umfassenderen Verständnis der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik bei und verdeutlicht deren globale Reichweite. Mit Blick auf eine Realität der Migrationsgesellschaft kann beispielsweise über unterschiedliche Herkunftsländer der Verfolgten ein Anknüpfungspunkt für Jugendliche und deren eigene Zugehörigkeiten geschaffen werden, ohne dabei Zuschreibungen zu reproduzieren.

Aus pädagogischer Sicht ist es neben der Beschäftigung mit den Erfahrungen der Opfer und Verfolgten auch sinnvoll, die Perspektive der Täter_innen einzubeziehen, um unterschiedliche Handlungsmotive und Hintergründe zu thematisieren. Damit kann deutlich gemacht werden, dass die nationalsozialistischen Verbrechen von Menschen geplant und umgesetzt worden sind, die aus Überzeugung, Opportunismus, Karrierestreben oder auch einfach „nur“ Gleichgültigkeit gehandelt haben. Darüber hinaus beziehen die Positionen der Zuschauer_innen oder Bystanders Perspektiven jenseits einer Opfer-/Täter_innen-Dichotomie ein und ermöglichen es, Handlungsspielräume von Einzelnen zu thematisieren, die von aktiver Unterstützung des NS-Systems und Denunziation bis hin zu kleinen Beispielen für Unterstützung und Widerstand reichen.

Fotografie (Ausschnitt) von Zeichnungen aus dem „Bilder-Tagebuch“ der als Jüdin verfolgten Ungarin Zsuzsa Merényi (vormals Susanne Schuller). Ein Großteil der mehr als 120 Einzelbilder entstand während ihrer Haft im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Foto: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Bergen-Belsen

Fotografie (Ausschnitt) von Zeichnungen aus dem „Bilder-Tagebuch“ der als Jüdin verfolgten Ungarin Zsuzsa Merényi (vormals Susanne Schuller). Ein Großteil der mehr als 120 Einzelbilder entstand während ihrer Haft im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Foto: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Bergen-Belsen