Rolle der Zeitzeug_innen

Gespräche und Berichte von Zeitzeug_innen stellen eine spezifische Form eines biografischen Zugangs dar und finden seit vielen Jahren großen Zuspruch in der historischen Bildung zum Nationalsozialismus. Direkte Begegnungen mit Zeitzeug_innen werden vor dem Hintergrund eines nahenden Endes der Zeitzeug_innenschaft immer seltener. Der Begriff des/der Zeitzeug_in umfasst in einem weiteren Verständnis eine Person, die ein historisches Ereignis selbst erlebt hat und darüber berichten kann. Im Rahmen der Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur ist der Begriff jedoch eng geknüpft an Überlebende des Nationalsozialismus und Holocaust. Zeitzeug_innen und deren Berichte sind verbunden mit einer Vorstellung von Authentizität des Erlebten. Mehr noch − Zeitzeug_innen bekommen mit Blick auf die historischen Ereignisse oft die Funktion einer moralischen Instanz zugesprochen. Sie nehmen jedoch eine vermittelnde Position zwischen Vergangenheit und Gegenwart ein, das heißt die Gegenwart hat Einfluss auf die historische Erzählung und deren Deutungen. Dieser Konstruktionscharakter von Geschichte sollte sowohl im Rahmen einer Begegnung, als auch mit Blick auf die pädagogische Arbeit mit Quellen von Zeitzeug_innen berücksichtigt werden, ohne den Wahrheitsgehalt der gemachten Erfahrungen in Frage zu stellen.

Die Begegnung mit einem/einer Zeitzeug_in ist eine besondere Form der Interaktion, die von sehr verschiedenen Perspektiven, Erfahrungen und meist einer großen Differenz im Lebensalter geprägt ist. Aus pädagogischer Perspektive ist es wichtig, die Teilnehmer_innen eines solchen Gesprächs im Vorfeld intensiv vorzubereiten, sowohl mit Blick auf Wissen über die historischen Zusammenhänge wie auch erste biografische Informationen zur Person und Fragen der Bedeutung und Funktionsweisen von Erinnerungen. Der Bericht einer/eines Überlebenden als Zeugnis braucht ein Gegenüber, der/die dieses Zeugnis annimmt und weiter trägt. Somit stellen die konkrete Gesprächssituation, die Bereitschaft des Zuhörens aber auch das gesellschaftliche Umfeld wichtige Voraussetzungen eines solchen Zeitzeug_innenberichts dar. Neben der Vor- ist dabei auch die Nachbereitung einer solchen Begegnung wichtig, um Fragen zu klären und auch mit emotionalen Stimmungen angemessen umgehen zu können.

Schüler_innen der Janusz Korczak Schule Wathlingen im Gespräch mit Fanny Heymann, Zeitzeugin und Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, 2009. Foto: Katrin Unger, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten

Schüler_innen der Janusz Korczak Schule Wathlingen im Gespräch mit Fanny Heymann, Zeitzeugin und Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, 2009. Foto: Katrin Unger, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten

Aus einer pädagogischen Perspektive und mit Blick auf unterschiedliche Zielgruppen ist die Arbeit mit biografischen Zugängen und Materialien sehr wertvoll und bildet einen wichtigen Bestandteil einer reflektierten und kritischen historischen Auseinandersetzung. Darüber hinaus kommen diesen Dokumenten in geschichtswissenschaftlicher und erinnerungspolitischer Perspektive eine zentrale Bedeutung für die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik und insbesondere auch der Erinnerung an die Opfer zu.