Was sind biographische Quellen?

Biografische Zugänge ermöglichen eine Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust, die jenseits von Institutionen, Strukturen oder Gesetzen den Blick auf Menschen, deren Handlungen und Entscheidungen richtet. Geschichte wird von Menschen gemacht und hat gleichzeitig wiederum Auswirkungen auf deren Leben und Handlungen. Im Kontext der historisch-politischen Bildung an und im Umfeld von NS-Gedenkstätten hat sich die Arbeit mit Biografien zu einem wichtigen Zugang entwickelt. Biografische Quellen sind gekennzeichnet durch einen erfahrungsgeschichtlichen Ansatz und umfassen eine Vielzahl unterschiedlicher Dokumente, für die eine subjektive Perspektive auf ein historisches Geschehen charakteristisch ist. Dazu zählen beispielsweise Tagebücher, Briefe, Fotografien, Erinnerungsberichte, Zeichnungen oder auch Gespräche und Videointerviews mit Zeitzeug_innen. Eines der bekanntesten Schriftbeispiele ist das „Tagebuch der Anne Frank“, das 2009 von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen worden ist.

Biografische Quellen geben neben der Darstellung und Analyse historischer Ereignisse und Abläufe insbesondere auch Auskunft über die persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen von Menschen, die zu dieser Zeit gelebt haben. Sie bieten einen Zugang zu persönlichen Geschichten und stellen gleichzeitig ein Zeugnis von Erfahrungen und Erlebnissen dar. Speziell zeitgenössische Tagebücher geben die Perspektive und Gedanken des/der Autor_in zum konkreten Zeitpunkt des historischen Geschehens wieder und ermöglichen damit einen scheinbar unmittelbaren Einblick in die Erfahrungswelt der berichtenden Person. Solche Berichte zeigen auf, was der/die Zeitzeug_in gedacht, erinnert und empfunden, wie er oder sie eine Situation erlebt und sich in ihr verhalten hat.

Tagebuch der als Jüdin verfolgten Niederländerin Renata Laqueur, verfasst im Konzentrationslager Bergen-Belsen, Eintrag vom 4. Mai 1944. Foto: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Bergen-Belsen

Tagebuch der als Jüdin verfolgten Niederländerin Renata Laqueur, verfasst im Konzentrationslager Bergen-Belsen, Eintrag vom 4. Mai 1944. Foto: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Bergen-Belsen

Darüber hinaus wurden einige Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust bereits mit dem Ziel verfasst, ein Dokument für die Nachwelt zu überliefern und damit auch die Verbrechen zu bezeugen. Erinnerungsberichte wie auch Audio- und Videointerviews mit Zeitzeug_innen sind hingegen gekennzeichnet von einer rückblickenden Perspektive auf ein historisches Geschehen, die häufig überformt ist von nachträglichen und gegenwärtigen Erfahrungen, Gedanken, Deutungen und auch dem Umgang mit der eigenen Geschichte. Die zeitliche Distanz zu den Erlebnissen hat einen Einfluss auf deren Darstellung. Solche Dokumente können die Möglichkeit bieten, Fragen nach den Nachwirkungen der Geschichte des Nationalsozialismus in der Gegenwart wie auch Funktionsweisen des Erinnerns und Nicht-Erinnerns zu thematisieren. Im Folgenden werden einige pädagogische Zugänge und Herausforderung im Umgang mit biografischen Quellen diskutiert.