Geschichtsbewusstsein und moralisches Lernen

Bildungsinstitutionen wie Schulen oder Gedenkstätten gründen in demokratischen Gesellschaften auf dem Anspruch, affektive, kognitive und normative Grundlagen einer zivilen Gesellschaft zu vermitteln, die sich auf die Unantastbarkeit der Bürgerrechte und auf die universale Geltung von Menschenrechten stützt. Bei Schulen in postdiktatorischen Gesellschaften ist es dieses Ethos, bei Gedenkstätten die Institution selbst, die aus den Auseinandersetzungen mit einer unmoralischen und unrechtlichen politischen Ordnung erwachsen ist. Ihr Auftrag ist explizit oder implizit affirmativ zu den Idealen der neuen Werteordnung formuliert – ein Modell, das nicht zuletzt im Kontext plurikultureller, migrationsgeprägter Gesellschaften und der Debatte um ein „globales Geschichtsbewusstsein“ kritisch beleuchtet wird.

Wie verhält sich aber zu diesem Auftrag der Ansatz des kritisch-reflexiven Geschichtsbewusstseins? Zum einen führt die Erfahrung von Lernorten des vergangenen Terrors zu einer deutlichen Aufwertung der emotionalen Dimension historischen Lernens. Dies gilt sowohl für den Umgang mit Überwältigungserfahrungen und Banalisierungsversuchen wie für die affektiv fundierte Kompetenz reflektierter Empathie. Zum anderen aber stellt ein Geschichtsbewusstsein, das sich als nicht-affirmative Form der Auseinandersetzung mit Vergangenheitsrepräsentationen versteht, eine Herausforderung für identitätsstiftende Lernorte dar, deren Bedeutung durch einen gesellschaftlichen und politischen Konsens gesetzt ist.

Für die Arbeit in Gedenkstätten folgt daraus, dass historisches Wissen nicht als Grundlage für eine moralische Belehrung dienen darf, die von der gesetzten Bedeutung ihrer Zielinhalte ausgeht. Vielmehr erfordert die Diskontinuität historischer Erfahrungen durch die Zerstörung moralischer und affektiver Grundlagen einer zivilen Gesellschaft im Nationalsozialismus, das kompetenzorientierte Geschichtslernen situativ zu wenden und die historisch-moralische Urteilskompetenz an konkreten Entscheidungssituationen zu bilden. Dadurch werden Menschlichkeit und Unmenschlichkeit als kontingente, aber jeweils unterschiedlich motivierte und bedingte Verhaltensweisen sichtbar und konkret.

Die Entwicklung von Geschichtsbewusstsein ist dabei auch auf Möglichkeiten angewiesen, vermeintlich unangemessene Fragen zu stellen, damit die Vermittlung von Geschichte in bester Absicht nicht selbst dem Vorwurf anheim fällt, nur ein politisch und gesellschaftlich konsensuales, „korrektes“ Geschichtsbild verankern zu wollen. Weder das Potenzial der emotionalen Überwältigung in Gedenkstätten, noch der schmerzhafte Charakter solcher Fragen sollten daran hindern, ihnen den nötigen Raum zu eröffnen und diesen produktiv zu gestalten. Denn Geschichtsbewusstsein und damit auch zivilisatorische Identität wachsen nicht zuletzt aus den selbst erkannten Widersprüchen und Grenzen der historischen Erkenntnis.