Kompetenzbasiertes Geschichtsbewusstsein

Die Besonderheit des Geschichtsbewusstseins rührt aus der Kontingenz von Zeitlichkeit her: Vergangene Erfahrungen bieten keine Gewähr für taugliche Zukunftsprognosen, historische Kenntnisse begründen keine Gesetzmäßigkeiten. Dadurch wird Geschichte anfällig für selektive Deutungen, die etwa der Legitimation von sozialen Interessen oder geschichtspolitischen Zwecken dienen. Diese werden wiederum nicht durch eine Geschichtsvermittlung hinterfragt, in der die Relevanz ihres jeweiligen Gegenstands – zum Beispiel durch bestimmte, als bedeutsam gewichtete Ereignisse – bereits gesetzt ist.

Darum hat der Ansatz des kompetenzorientierten Geschichtslernens in den letzten Jahren den Blick vor allem auf die notwendigen Fähigkeiten gelenkt, um ein kritisch-reflexives Verhältnis zur Geschichte gewinnen zu können. Hier steht das sich selbst verzeitlichende Ich mit der Erkenntnis im Zentrum, selbst Teil eines dynamischen Verhältnisses von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sein und es durch sein eigenes Handeln mit zu gestalten. Vor diesem Hintergrund haben biographische, lokale und situative Lernansätze an Bedeutung gewonnen, weil sie den Bezug zwischen Erkenntnissubjekt und historischen Prozessen erleichtern sowie zur lebensweltlichen Verankerung von historischen Erkenntnissen beitragen.

Ausgehend von der je eigenen Zeitlichkeit soll das Interesse für die generelle historische Bedingtheit von Gegenwart und Zukunft geweckt werden. Dazu bedarf es, wie vor allem Andreas Körber und Waltraud Schreiber herausgearbeitet haben, der Entwicklung von Frage-, Methoden-, Orientierungs- und Sachkompetenzen. Grundlage der historischen Sinnbildung ist demnach, bestehende Vergangenheitsrepräsentationen kritisch zu befragen, das Verhältnis von Vergangenheit, Quellen und Geschichte methodisch angemessen zu analysieren, das eigene ebenso wie das kollektive Geschichtsbewusstsein zu reflektieren und zu kontextualisieren sowie über einen objektivierenden Begriffsapparat zu verfügen.

Mit Bodo von Borries wird dabei der kritisch-reflexive Umgang mit Geschichte erst auf der biographisch letzten Entwicklungsstufe des Geschichtsbewusstseins erreicht. Dieser Ebene der handlungsleitenden Erkenntnis gehen „unbewusste Präsenz“, „diffuse Beschäftigung“ und „ausdrückliche Auseinandersetzung“ voraus. Letztlich beinhaltet dieses biographisch-genetische ebenso wie das reflexiv-kompetenzorientierte Modell von Geschichtsbewusstsein, die affektiven, emotionalen und ästhetischen Momente historischer Sinnbildung durch die kognitiv-reflexiven Komponenten zu kontrollieren beziehungsweise sie auf eine höhere Stufe der historischen Erkenntnis zu heben. Näher an der bewussten Integration der affektiven Dimension von Geschichte bewegt sich hingegen der Ansatz narrativer Kompetenzbildung in Anlehnung an Jörn Rüsens Theorie des historischen Erzählens. Demnach sind Sinnbildungsprozesse als „gedeutete Zeiterfahrung“ sinnhaft nur durch Narrationen zu gewinnen und zu vermitteln: Historisches Erzählen ist hier selbst nicht nur eine identitätsstiftende, sondern auch eine zivilisierende Fundamentalkategorie des historischen Bewusstseins.