Inklusion im Kontext von Gedenkstätten

In Museen und Gedenkstätten wird der Diskurs um den Anspruch von Inklusion aufgenommen, indem diese Institutionen darüber nachdenken, ob allen potenziellen Besucherinnen und Besuchern ein barrierefreier Zugang ermöglicht wird. Diese Überlegungen umfassen verschiedene Ebenen. So sind der physische Zugang zur Bildungseinrichtung und die Möglichkeiten, die hier vorgestellten Inhalte wahrzunehmen, in der Regel als erstes im Blick. Texte in leichter Sprache anzubieten, Inhalte in verschiedener Weise (auditiv, erfühlbar usw.) zu veranschaulichen, damit Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen diese erfahren können, werden von vielen Bildungsinstitutionen als nächste Umsetzungsschritte fokussiert. So bieten Gedenkstätten und Museen mittlerweile Ausstellungskataloge in leichter Sprache und Blindenschrift an oder stellen Audioguides im Rahmen der Ausstellung zur Verfügung. Den Anspruch der Inklusion im zuvor genannten Sinne konsequent weiterzuführen, bedeutet aber noch mehr. Denn um Barrieren in Kultur- und Bildungseinrichtungen abzubauen, müssen auch Fragen dazu gestellt werden, „welche Ausstellungen zum Beispiel gezeigt, welche Medien erworben oder welche Gegenstände gesammelt und gepflegt werden, letztlich, welche Vorstellungen von Kultur und Bildung als explizites und implizites Wissen vermittelt und auch welche Geschichten“ (Tervooren/Weber 2012, 25) zu den jeweiligen Differenzlinien wie u.a. Behinderung, Sprache, Geschlecht etc. erzählt werden.

Im Rahmen eines Projekts an der Leibniz-Universität Hannover wird in diesem Sinne das Ziel verfolgt, dass sich Studierende der Sonderpädagogik gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen und ohne Hochschulzugangsberechtigung Fragestellungen im Kontext der NS-‚Euthanasie‘ aneignen. Die Teilnehmer_innen erarbeiten sich Kenntnisse über den Umgang mit behinderten Menschen in der NS-Zeit (Ausgrenzung, Zwangssterilisation, Ermordung), sammeln Erfahrungen mit gemeinsamen Arbeitsformen und sollen durch diesen Austausch eine eigene Haltung zu Ausgrenzung, Diskriminierung, ,Lebenswert‘ und den NS-,Euthanasie‘-Verbrechen entwickeln. Eine gemeinsame Exkursion in eine Gedenkstätte, die an die NS-,Euthanasie‘-Verbrechen erinnert, führt diese Inhalte in besonderer Weise zusammen. Denn hier sind insbesondere die Studierenden gefordert, sich in konkreten inklusiven Lernsituationen mit ihren Haltungen bezüglich inklusiven Lehrens und Lernens und den damit verbundenen gesellschaftlichen Implikationen auseinanderzusetzen: Was bedeutet für mich Inklusion? Inwiefern wirkt sich der Anspruch der Inklusion auf Inhalte und Formen der Auseinandersetzung in schulischen und außerschulischen Lernsituationen aus? In welcher Weise kann ich dazu beitragen, die gesellschaftliche Bedeutung von Inklusion umzusetzen? So führen die Auseinandersetzungen mit dieser Thematik auch dazu, dass die Teilnehmer_innen den Anspruch der Inklusion auf den zuvor skizzierten Ebenen an die Arbeit in der Gedenkstätte herantragen. Es werden Wege erdacht und erprobt, um allen einen Zugang zu den jeweiligen Inhalten zu ermöglichen (vgl. Schomaker/Lindmeier 2015, Lindmeier/Schomaker 2014).