Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

Seminartag zum Thema "Respekt und Toleranz" mit Auszubildenden der MAN Truck Bus AG, Werk Salzgitter, 4. Dezember 2014. Foto: Martina Staats, Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

Bildungsangebote

Die Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel ist neben der Gedenkstätte in der JVA Brandenburg-Görden die einzige Gedenkstätte zum Themenkomplex „Justiz und Nationalsozialismus“, die innerhalb einer bis heute genutzten Justizvollzugsanstalt besteht. Die konkurrierenden Realitäten unterschiedlicher politischer und justizieller Ordnungen in Vergangenheit und Gegenwart sind ein wesentlicher Ausgangspunkt der Bildungsarbeit vor Ort.

Am historischen Ort eines Strafgefängnisses und einer Hinrichtungsstätte hat sich die Gedenkstätte zu einem zentralen außerschulischen Lernort mit spezifischen Bildungsangeboten zur Auseinandersetzung mit der NS-Justiz entwickelt. Das Angebot der Gedenkstätte umfasst Führungen, Seminartage sowie mehrtägige Projekte, die sich u. a. aus folgenden Elementen zusammen setzen können:

  • Führung in der ehemaligen Hinrichtungsstätte
  • Führung und selbstständiges Arbeiten in der Dauerausstellung zu „Justiz und Strafvollzug im Nationalsozialismus“
  • Besuch eines nahegelegenen Friedhofs
  • Gespräch mit einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter der JVA zum Justizvollzug heute

 

Themenschwerpunkte der Seminartage in Auswahl:

  • Recht und Unrecht im Zweiten Weltkrieg
  • Handlungsalternativen im Unrechtsstaat
  • Jugendliche vor Gericht
  • Deserteure der Wehrmacht und die Justiz
  • Verfolgung des europäischen Widerstands
  • Deutsche Juristen – Karrieren vor und nach 1945
  • Fritz Bauer und sein Kampf um das Recht
  • Erinnerungskultur nach 1945

Regelmäßig werden Lehrer_innenfortbildungen zu den im Kerncurriculum genannten Themen angeboten, die als Fortbildungsveranstaltungen anerkannt sind.

Das dreiteilige Modul „ZeitWechsel“ beschäftigt sich in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesarchiv Wolfenbüttel und dem Braunschweiger Historiker Markus Gröchtemeier mit der Pogromnacht am 9. November 1938. Neben dem Besuch der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel können Schüler_innen hierbei im Landesarchiv mit Hilfe von Haftbüchern und anderen Akten Biografien erarbeiten und auf einem Stadtrundgang vertiefen.

Modul "ZeitWechsel", Schülerinnen und Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums Wolfenbüttel recherchieren im Landesarchiv Wolfenbüttel, 12. November 2014. Foto: Stefan Wilbricht, Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

Modul „ZeitWechsel“, Schülerinnen und Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums Wolfenbüttel recherchieren im Landesarchiv Wolfenbüttel, 12. November 2014. Foto: Stefan Wilbricht, Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

 

Grundlage des Bildungskonzeptes der Gedenkstätte ist die Ermöglichung eines eigenständigen, strukturierten, aufgaben- und projektorientierten forschenden Lernens mit Hilfe von flexiblen und kreativen Lernimpulsen.

Hierbei werden die divergierenden Interessen ihrer sehr heterogenen Besuchergruppen berücksichtigt: Schulklassen, Seminare von Universitäten, Erwachsenengruppen aus dem In- und Ausland, Fachbesucher aus dem Bereich von Justiz und Recht sowie Polizei und Justizvollzug und andere Multiplikatorengruppen.

Gern unterstützt die Gedenkstätte Anfragen nach Kooperationen in der Erwachsenenbildung mit Unternehmen und Betrieben hinsichtlich gemeinsamer Workshops und Seminaren.

Angebote an Einzelbesucher_innen sind zurzeit jedoch nur in Ausnahme und nach Absprache möglich.

Historischer Ort

Das Strafgefängnis Wolfenbüttel diente der Umsetzung der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Mordpolitik und verdeutlicht die Radikalisierung der Justiz und des Strafvollzugs seit 1933: Als zentrale Haftstätte für politische Gegner, rassisch Verfolgte und soziale Außenseiter, als Sammelstelle für die nach der Pogromnacht 1938 verhafteten jüdischen Männer vor ihrem Weitertransport in das Konzentrationslager Buchenwald und als Hinrichtungsstätte während des Zeitraums 1937 bis 1945 für über 500 Menschen. Darüber hinaus war es Aufnahme- und Durchgangsort für mehrere hundert italienische und polnische Gefangene.

Das Reichsjustizministerium nutzte das Strafgefängnis Wolfenbüttel im Rahmen der Bekämpfung des europäischen Widerstandes zudem als Haftanstalt für mehr als 900 „Nacht- und Nebel-Gefangene“ aus Frankreich und Belgien, den Niederlanden und Norwegen.

Am 11. April 1945 befreiten US-amerikanische Truppen das Gefängnis.

Zwischen 1945 und 1947 nutzten britische Militärbehörden den Ort zur Vollstreckung von 67 Todesurteilen ihrer Militärgerichte. So wurden u. a. verurteilte Kriegsverbrecher hingerichtet.

Das ehemalige Hinrichtungsgebäude, 2013. Foto: Martina Staats, Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

Das ehemalige Hinrichtungsgebäude, 2013. Foto: Martina Staats, Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

Gedenkstätte

Das Ineinandergreifen von Gegenwart und Vergangenheit ist durch die Weiternutzung des Strafgefängnisses nach 1945 ein wesentliches Merkmal der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel. Das Strafgefängnis blieb nach 1945 in seiner baulichen Substanz nahezu vollständig erhalten. Das gilt insbesondere für die ehemalige Hinrichtungsstätte. Bereits seit Ende der 1950er Jahre besuchen Überlebende und Familienangehörige von Hingerichteten und im Gefängnis Verstorbenen Wolfenbüttel. Seit dieser Zeit erinnert eine Tafel in der Gefängniskirche an die verstorbenen Widerstandskämpfer.

Die Geschichte der Gedenkstätte dokumentiert auch das Ringen um eine öffentliche Thematisierung der Verantwortung der Justiz während des Nationalsozialismus. Erst 1990 wurde durch das Niedersächsische Justizministerium eine Gedenkstätte in der JVA eingerichtet – eine Folge der Bemühungen westeuropäischer Widerstandskämpfer und lokalen bürgerschaftlichen Engagements.

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ist seit ihrer Gründung im Jahr 2004 Trägerin der Gedenkstätte.

Zurzeit wird die Gedenkstätte in einem umfassenden, mehrere Jahre dauernden Projekt neugestaltet und um ein Dokumentationszentrum erweitert.

Der Zeitzeuge Heinz Tillack besucht die Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel und betrachtet das Hinrichtungsbuch, 27. August 2014. Foto: Leon Kloke, Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

Der Zeitzeuge Heinz Tillack besucht die Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel und betrachtet das Hinrichtungsbuch, 27. August 2014. Foto: Leon Kloke, Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

Kontakt

Die Gedenkstätte liegt inmitten der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel. Daher müssen Besuche vorher vereinbart werden. Wegen der besonderen Sicherheitsanforderungen in der JVA müssen die Anmeldungen zwei Wochen vor dem Termin in der Gedenkstätte vorliegen.

Besucher_innen unter 16 Jahren benötigen eine Einverständniserklärung eines Erziehungsberechtigten.
Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren haben keinen Zutritt.

Anmeldung und Kontakt für pädagogische Angebote

Organisatorische Absprachen und Terminbestätigungen

  • Telefon: +49 (0) 5331 – 807-343 (Dienstag bis Freitag 9 bis 12 Uhr)

Inhaltliche Absprachen

  • Telefon: +49 (0) 5331 – 807-344

Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel
Ziegenmarkt 10
38300 Wolfenbüttel
wolfenbuettel@stiftung-ng.de

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