Bildungsangebote

Die Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel ist neben der Gedenkstätte in der JVA Brandenburg-Görden die einzige Gedenkstätte zum Themenkomplex „Justiz und Nationalsozialismus“, die innerhalb einer bis heute genutzten Justizvollzugsanstalt besteht. Die konkurrierenden Realitäten unterschiedlicher politischer und justizieller Ordnungen in Vergangenheit und Gegenwart sind ein wesentlicher Ausgangspunkt der Bildungsarbeit vor Ort.

Am historischen Ort eines Strafgefängnisses und einer Hinrichtungsstätte hat sich die Gedenkstätte zu einem zentralen außerschulischen Lernort mit spezifischen Bildungsangeboten zur Auseinandersetzung mit der NS-Justiz entwickelt.

Die Bildungs- und Vermittlungsarbeit der Gedenkstätte soll dazu anregen, über die nationalsozialistische Vergangenheit zu forschen, Geschichtsbilder zu hinterfragen und eigene Positionen zu entwickeln. Die Veranstaltungen werden so weit wie möglich interaktiv und methodisch abwechslungsreich gestaltet. Grundlage des Bildungskonzeptes der Gedenkstätte bildet die Selbsttätigkeit und das forschend-entdeckende Lernen an den Multi-Touch-Tischen.

Die Gedenkstätte hält ein breites Angebot an Themen und Methoden bereit. Sie sind für verschiedene Niveau- sowie Altersstufen konzipiert und werden handlungsorientiert, multiperspektivisch und mit größtmöglicher Methodenvielfalt vermittelt.

Die Programme umfassen Halb- und Ganztagesangebote, Führungen sowie mehrtägige Workshops. Je nach zeitlichem Rahmen sowie Interessen, Wünschen und Vorkenntnissen der Teilnehmenden entwickeln wir ein auf die jeweiligen Anforderungen abgestimmtes Angebot.

Die Bildungsangebote umfassen unter anderem die folgenden Schwerpunkte:

  • Justiz und Strafvollzug im Nationalsozialismus
  • Aufarbeitung der NS-Zeit nach 1945, Erinnerungskultur und Geschichte der Gedenkstätte
  • Führungen zu den Friedhöfen
  • Personelle Kontinuitäten im Justiz- und Strafvollzugsdienst nach 1945
  • Verfolgung der Homosexuellen nach § 175 in der NS-Zeit und der Bundesrepublik Deutschland
  • Kontinuitäten und Brüche bei der Kommunistenverfolgung vor und nach 1945
  • Widerstand im Nationalsozialismus am Beispiel der „Nacht-und-Nebel“-Gefangenen
  • Auswirkungen von Verfolgung und Haft für die Folgegenerationen
  • Todesstrafe
Schüler

MAN-Azubis in der Hinrichtungsstätte des ehemaligen Strafgefängnisses Wolfenbüttel, Dezember 2019. Foto: Simona Häring, Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

 

Gern unterstützt die Gedenkstätte Anfragen nach Kooperationen in der Erwachsenenbildung mit Unternehmen und Betrieben hinsichtlich gemeinsamer Workshops und Seminaren.

Regelmäßig finden öffentliche Führungen statt. Dieses Angebot richtet sich speziell an Einzelbesucher_innen. Darüber hinaus werden auch öffentliche Veranstaltungen, wie Lesungen, Kurator_innenführungen und Vorträge, angeboten.

Ferner ist jederzeit zu den Öffnungszeiten ein Besuch der Dauerausstellung im neuen Dokumentationszentrum möglich.

Historischer Ort

Das ehemalige Strafgefängnis Wolfenbüttel diente als zentrale Haftanstalt des Freistaates Braunschweig sowie als eine der wichtigsten Haftstätten in Norddeutschland der Umsetzung der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Mordpolitik.

Ab 1933 wurden im Strafgefängnis nicht nur Urteile wegen klassischer Delikte, sondern zunehmend auch auf der Grundlage nationalsozialistischer Sondergesetzgebungen vollstreckt. So wurden politisch Oppositionelle wegen regierungskritischer Äußerungen oder bei Verstößen gegen das Versammlungsverbot verfolgt. Auch religiöse Gruppen wie die Zeugen Jehovas waren davon betroffen. Mit der Verschärfung des Paragraphen 175 RStGB setzte ab 1935 eine verstärkte Verfolgung von Männern ein, bei denen homosexuelle Handlungen unterstellt oder nachgewiesen wurden.

Im Jahr 1938 war das Gefängnis Sammelstelle für die nach der Pogromnacht im Land Braunschweig verhafteten jüdischen Männer vor ihrem Weitertransport in das Konzentrationslager Buchenwald.

Mit Kriegsbeginn wuchs die Zahl ausländischer Inhaftierter stark an. Das Reichsjustizministerium nutzte das Strafgefängnis Wolfenbüttel im Rahmen der Bekämpfung des europäischen Widerstandes als eine der zentralen Haftstätten für so genannte „Nacht- und Nebel-Gefangene“ aus Frankreich und Belgien, den Niederlanden und Norwegen. So wurden 10 Prozent aller im Deutschen Reich verurteilten „NN-Gefangenen“ in Wolfenbüttel inhaftiert.

Darüber hinaus wurde durch die Einführung eines Kriegssonderstrafrechts der Verfolgungsdruck auf die deutsche Zivilbevölkerung, aber auch auf die im Deutschen Reich eingesetzten Zwangsarbeiter_innen erhöht. Schließlich nutzten die NS-Behörden seit 1942 das Strafgefängnis zur Vollstreckung von „Vorbeugungshaft“ gegen Sinti und Roma, bevor diese in Konzentrations- und Vernichtungslager weitertransportiert wurden.

Zu dem Strafgefängnis Wolfenbüttel gehörten über 70 Außenorte:

  • Arbeitskommandos, in denen zeitweise mehr Gefangene als in der Zentrale untergebracht waren und in denen schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen herrschten,
  • der Schießplatz im Waldgebiet Buchhorst nahe Braunschweig, wo fünf Häftlinge des Strafgefängnisses durch Erschießungskommandos hingerichtet wurden,
  • weitere Haftorte in Gerichten und kleineren lokalen Gefängnissen.

Recherche von Schülerinnnen der Henriette-Breymann-Gesamtschule Wolfenbüttel an Multitouch-Tischen, September 2017. Foto: Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

 

Durch Überbelegung verschlechterten sich die Haftbedingungen ab 1944 dramatisch. Auch infolge dessen starben mehr als 500 Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus in Haft, ca. zwei Drittel davon in den letzten beiden Kriegsjahren. Am 11. April 1945 befreiten US-amerikanische Truppen das Gefängnis.

Das Strafgefängnis fungierte auch als einer der zentralen Hinrichtungsstätten im Deutschen Reich: zwischen 1937 und 1945 wurden dort 526 Todesurteile (524 durch die Guillotine, zwei durch den Strang) vollstreckt, 42 Prozent der Hinrichtungsopfer stammten aus dem Ausland.

Von Juni 1945 bis Juli 1947 nutzten britische Militärbehörden den Ort zur Vollstreckung von 44 Todesurteilen ihrer Militärgerichte (weitere 23 Menschen wurden durch Erschießungskommandos in der Kaserne an der Lindener Straße hingerichtet). So wurden u. a. verurteilte Kriegsverbrecher guillotiniert.

Gedenkstätte

Das Ineinandergreifen von Gegenwart und Vergangenheit ist durch die Weiternutzung des Strafgefängnisses nach 1945 ein wesentliches Merkmal der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel. Das Strafgefängnis blieb nach 1945 in seiner baulichen Substanz nahezu vollständig erhalten. Das gilt insbesondere für die ehemalige Hinrichtungsstätte. Bereits seit Ende der 1950er Jahre besuchten Überlebende und Familienangehörige von Hingerichteten und im Gefängnis Verstorbenen Wolfenbüttel. Seit dieser Zeit erinnert eine Tafel in der Gefängniskirche an die verstorbenen Widerstandskämpfer.

Die Geschichte der Gedenkstätte dokumentiert auch das Ringen um eine öffentliche Thematisierung der Verantwortung der Justiz während des Nationalsozialismus. Erst 1990 wurde durch das Niedersächsische Justizministerium eine Gedenkstätte in der JVA eingerichtet – eine Folge der Bemühungen westeuropäischer Widerstandskämpfer und lokalen bürgerschaftlichen Engagements.

Seit November 2019 bietet ein auf dem Gelände der JVA gelegener, aber öffentlich zugänglicher Neubau mit der Dauerausstellung „Recht. Verbrechen. Folgen. Das Strafgefängnis Wolfenbüttel im Nationalsozialismus“ einen vertiefenden Einblick in die Thematik.

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ist seit ihrer Gründung im Jahr 2004 Trägerin der Gedenkstätte.

Eingang zur Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, Februar 2020. Foto: Gustav Partington, Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel

Besuchsinformationen und Kontakt

Besuch der Dauerausstellung

Das Dokumentationszentrum samt Dauerausstellung, Besucherinformation, Sammlung, Seminar- und Veranstaltungsräumen ist zwar auf dem Gelände der JVA gelegen, aber erreichbar über den Parkplatz der Volksbank Wolfenbüttel, Am Herzogtore 12, 38300 Wolfenbüttel.

Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10:00 Uhr – 17:00 Uhr

Eintritt frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Besuch der historischen Orte

Die historischen Orte befinden sich inmitten der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel. Wegen der besonderen Sicherheitsanforderungen in der JVA müssen die Anmeldungen spätestens zwei Wochen vor dem gewünschten Besuchstermin in der Gedenkstätte vorliegen. Zugelassen sind, abgesehen von öffentlichen Führungen, in der Regel nur Gruppen.

Besucher_innen unter 16 Jahren benötigen eine Einverständniserklärung eines Erziehungsberechtigten.

Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren haben keinen Zutritt.

Der Zutritt ist nicht barrierefrei möglich.

Anmeldung und Kontakt für pädagogische Angebote:

Organisatorische Absprachen und Terminbestätigungen:

  • Telefon: +49 (0) 5331 – 935501-21 (Dienstag bis Donnerstag 9 bis 12 Uhr)

Inhaltliche Absprachen:

  • Telefon: +49 (0) 5331 – 935501-20, -21 oder -22

 

Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel
Am Herzogtore 13
38300 Wolfenbüttel

wolfenbuettel@stiftung-ng.de

wolfenbuettel.stiftung-ng.de