“Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg

Teilnehmer_innen eines Seminars in der Ausstellung, 2014. Foto: Archiv der Bildungs- und Gedenkstätte "Opfer der NS-Psychiatrie" Lüneburg

Bildungsangebote

Die „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg bietet in ihrer Dauerausstellung einen Überblick über die verschiedenen „Euthanasie“-Maßnahmen und die NS-Psychiatrie in Lüneburg und in Niedersachsen. In entleihbaren Sonderausstellungen werden einzelne Themen vertieft. Derzeit gibt es die Sonderausstellungen „Den Opfern ein Gesicht, den Namen wieder geben“ mit über zwölf Lebensgeschichten von Kindern, die 1942 aufgrund ihrer Behinderung in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg ermordet wurden, sowie die Kunstausstellung „Bildfreiheiten – Künstler in der NS-Psychiatrie“ über die Künstler Paul Goesch und Gustav Sievers mit Repliken ihrer Werke. Des Weiteren unterhält die Gedenkstätte eine ebenfalls entleihbare MOBILE LERNSTATION mit Bildungsmaterialien (20 Workshops und 20 didaktisch aufbereitete Biografien) für Schülerinnen und Schüler der Grund-, Förder-, Haupt-, Real-, Ober-, Gesamt- und Berufsschulen sowie Gymnasien zum Thema Kinderrechte, Menschenrechte für Menschen mit Behinderung, Inklusion, Entrechtung von Menschen mit Erkrankungen und Behinderungen, „Euthanasie“-Maßnahmen – auch in leichter und kindgerechter Sprache.

 

Formate und Zielgruppen

Besuche von Gruppen sind im Rahmen einer betreuten ein- bis zweistündigen Führung durch die Gedenkstätte, über das Gelände und zur Gedenkanlage auf dem Friedhof Nordwest in Lüneburg möglich. Des Weiteren bietet die Bildungs- und Gedenkstätte Lüneburg ein- bis dreitägige Seminare (die Lüneburger Inklusionsschulung) an, in denen Menschenrechte, Entrechtungserfahrungen heute und die Geschichte von Menschen mit Behinderungen im Zentrum stehen. Teilnehmende befassen sich in bis zu 20 Workshops handlungsorientiert und vertiefend mit dem Wandel von Krankheit und Behinderung, mit Wertewandel, mit Kinder- und Menschenrechten, mit einzelnen Themen und Lebensgeschichten der NS-Psychiatrie (verantwortliche Ärzte und Pfleger, Zwangssterilisierte, erwachsene Opfer der „Aktion T4“, Opfer der Kinder- und Jugendlichen-„Euthanasie“). In den Seminaren erforschen Teilnehmende selbst anhand von Quellen und Zeugnissen die Lebensgeschichten. In Rollenspielen, Zukunftswerkstätten und mit kreativen Methoden werden gegenwärtige Themen wie beispielsweise Organhandel, psychiatrische Diagnostik, assistierter Suizid, Pränataldiagnostik, inklusive Kita und inklusive Schule mit der zeitgeschichtlichen Ebene verknüpft. Zielgruppen der Seminare sind Multiplikator_innen, Auszubildende aus der Pflege und Pädagogik, Mitarbeiter_innen aus Pflege, Medizin, Psychiatrie, Behindertenarbeit und Pädagogik. Zielgruppen der Materialien sind alle Menschen mit und ohne Behinderung ab 9 Jahre.

In Seminaren erforschen Teilnehmende anhand von Dokumenten und historischen Fotos die Biographien. 2014. Foto: Archiv der Bildungs- und Gedenkstätte "Opfer der NS-Psychiatrie" Lüneburg

In Seminaren erforschen Teilnehmende anhand von Dokumenten und historischen Fotos die Biographien. 2014. Foto: Archiv der Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ Lüneburg

 

Lehrkräfte haben in Fortbildungen die Möglichkeit, alle Workshops und die Materialien für den Einsatz im Unterricht kennenzulernen und können sie im Anschluss kostenfrei entleihen. Ab 2015 können Interessierte zudem mit Hilfe eines Audio-Guides historische Orte im Stadtgebiet Lüneburgs erkunden, die mit der lokalen „Euthanasie“-Vergangenheit in Verbindung stehen. Aus der Perspektive von drei Protagonisten lernen die Zuhörer_innen in einfacher Sprache an sechs Stationen in der Stadt drei Lebensgeschichten in einfacher Sprache kennen, sehen die dazugehörigen historischen und gegenwärtigen Orte und erfahren Hintergründe der Lüneburger Psychiatriegeschichte. Einzelbesucher_innen können die Gedenkstätte an jedem dritten Samstag im Monat von 11-14 Uhr besuchen. Alle Angebote sind eintritts- und gebührenfrei. Spenden sind willkommen.

Historischer Ort

Die Gedenkstätte befindet sich im alten Badehaus am Wasserturm auf dem Gelände der heutigen Psychiatrischen Klinik Lüneburg.

Im Rahmen der „Aktion T4“ wurden 1940/41 mindestens 481 erwachsene Patient_innen der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg wegen ihrer angeblichen psychischen Störung oder einer Behinderung in die Anstalten Hadamar und in Pirna-Sonnenstein deportiert und dort ermordet.

Zudem war die Lüneburger Anstalt die zentrale Sammelstelle für alle Patient_innen ausländischer Herkunft in Norddeutschland. 1944 wurden über 60 ausländische Patienten in Tötungsstätten deportiert und dort ermordet.

Bereits ab 1943 starben im Rahmen der „dezentralen Euthanasie“ mehr als ein Fünftel aller Patient_innen an Mangel- und Fehlversorgung.
Ab 1941 bis 1945 gab es in Lüneburg eine von reichsweit insgesamt mehr als 30 sogenannten „Kinderfachabteilungen“ in psychiatrischen Anstalten. Von 695 dort aufgenommen Kindern überlebten 418 die „Kinderfachabteilung“ nicht. 300 bis 350 Kinder wurden vor Ort mit Medikamenten ermordet. Weitere rund 100 Kinder ließen Ärzte und Pflegepersonal verhungern. Die Ärzte, gegen die wegen des Mordes in den späten 1940er und 1960er Jahren Ermittlungen stattfanden, wurden für ihre Taten nicht verurteilt.

Im Haus 25 wurden die ersten Patienten der "Kinderfachabteilung" der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg untergebracht, Aufnahme von Haus 25 nach 1945. Foto: Archiv der Bildungs- und Gedenkstätte "Opfer der NS-Psychiatrie" Lüneburg

Im Haus 25 wurden die ersten Patienten der „Kinderfachabteilung“ der
Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg untergebracht, Aufnahme von Haus 25 nach 1945.
Foto: Archiv der Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ Lüneburg

Gedenkstätte

Die „Euthanasie“-Gedenkstätte in Lüneburg wurde am 25. November 2004 durch den Psychosozialen Verein e.V. und durch die Geschichtswerkstatt Lüneburg e.V. ins Leben gerufen. Die Gedenkstätte bezog das ehemalige Badehaus am Wasserturm. Seither wird eine Rahmenausstellung gezeigt. Gestalter dieser ersten Dauerausstellung war Raimond Reiter, der 2011 verstarb. Seit 2012 wird die Bildungs- und Gedenkstätte wissenschaftlich und pädagogisch von Carola S. Rudnick betreut. Im Rahmen eines durch ESF- und Landesmittel geförderten Projektes wurden nachhaltige Formate, in denen die Psychiatriegeschichte mit der Gegenwart und mit der Thematik der Menschenrechte verbunden wird, entwickelt und durchgeführt. Es entstanden Sonderausstellungen und Bildungsmaterialien, wie die MOBILE LERNSTATION, sowie ein umfangreiches Seminarangebot. 2013 weihte die Bildungs- und Gedenkstätte anlässlich der Bestattung von sterblichen Überresten von zwölf Kindern eine Gedenkanlage auf dem Friedhof Nordwest ein. In diesem Zusammenhang wurde die aktive Suche nach Angehörigen aufgenommen. Inzwischen hat die Gedenkstätte zu über 80 Angehörigen und Zeitzeug_innen Kontakt. Um die Bildungs- und Gedenkstätte dauerhaft zu erhalten, wurde am 26.11.2014, dem 10. Jahrestag der Bildungs- und Gedenkstätte, ein Trägerverein der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg e.V. gegründet. Seit September 2015 ist die Gedenkstätte in der Trägerschaft des „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg e.V. Mit dem Trägerwechsel ist die Professionalisierung und Neugestaltung der Gedenkstätte verbunden, die in den kommenden fünf Jahren Realisierung erfährt.

Bildungs- und Gedenkstätte "Opfer der NS-Psychiatrie" im alten Badehaus am Wasserturm auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg, 2009. Foto: Archiv der Bildungs- und Gedenkstätte "Opfer der NS-Psychiatrie" Lüneburg

Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ im alten Badehaus am Wasserturm auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg, 2009. Foto: Archiv der Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ Lüneburg

Kontakt

Anmeldung und Kontakt für pädagogische Angebote

„Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg
Am Wienebütteler Weg 1
21339 Lüneburg

www.pk.lueneburg.de/gedenkstaette