Biografien von Opfern der Deportationen aus Nordwestdeutschland zwischen 1941 und 1945

Die Deportationen in die Vernichtungslager bildeten im nationalsozialistischen Deutschland für verschiedene Bevölkerungsgruppen den Abschluss einer radikalisierten Diskriminierung und Entrechtung. Das Ziel war eine nach rassistischen Kriterien „reine Volksgemeinschaft“. Nur wenige der Verschleppten überlebten den Massenmord.

Die Biografien der Opfer aus Nordwestdeutschland zeigen den Prozess der stufenweisen Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Die prägnant gehaltenen Texte beantworten dabei nicht alle Fragen. Sie können aber als Ausgangspunkt für weitere Recherchen vor Ort dienen.

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Transport Hannover – Riga 15. Dezember 1941

Henny Markiewicz-Simon, geb. Rosenbaum

aus Hannover

1925 - 2017

Verfolgt als Jüdin

Familie
Henny, Ludwig und Jenny Rosenbaum kurz vor der Ausreise des Vaters, 1940. (Repro LHH – ZeitZentrum Zivilcourage)

Henny Rosenbaum wurde als Tochter von Malermeister Ludwig Rosenbaum (1881–1964) und Jenny Rosenbaum, geb. Jacobowitz (1890–1944), am 15. Juli 1925 in Hannover geboren.

Im Sommer 1938 verhafteten die Nationalsozialisten Ludwig Rosenbaum; erst als seine Frau Jenny eine Fahrkarte für Shanghai für ihn erwirkte, wurde er entlassen und musste Deutschland sofort verlassen.

Henny Rosenbaums behinderten Bruder Hans (Jg. 1920) verschleppten die Nationalsozialisten aus einem Wohnheim in die Tötungsanstalt Brandenburg und ermordeten ihn am 27. September 1940 im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion „T4“.

Henny Rosenbaum und ihre Mutter Jenny hatten schon Reisepässe und Fahrkarten für Shanghai, als man sie am 15. Dezember 1941 nach Riga deportierte. Bei einem Appell umgeworfen, kam die Mutter mit einem Oberschenkelhalsbruch in das Lazarett des KZ Kaiserwald und wurde von dort aus im Wald von Biķernieki ermordet.

Henny Rosenbaums neuntägiger Todesmarsch endete mit der Befreiung am 29. Januar 1945 im polnischen Wałcz. Noch in Polen heiratete sie Avram Markiewicz (gest. 1976). Das Paar zog nach Hannover. Avram Markiewicz kaufte in der Innenstadt ein Geschäftshaus in der Herschelstraße, doch Ende 1949 wanderte das Paar in die USA aus. Dort lebten sie zusammen mit Hennys Vater auf ihrer Farm. Ihre Lebenserinnerungen „Mein Herz friert, wenn ich Deutsch höre…“ veröffentlichte sie 2004 in der Schriftenreihe der Gedenkstätte Ahlem. Für ihre Mutter und ihren Bruder wurden 2007 in der Vahrenwalder Str. 67 in Hannover Stolpersteine verlegt.

Henny Simon starb am 4. April 2017 in Colchester, Connecticut (USA) in Folge eines Verkehrsunfalls.

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Henny Markiewicz-Simon am Gedenkstein im Wald von Biķernieki, 2002. (Repro LHH – ZeitZentrum Zivilcourage)

 

Literatur:

„Abgeschoben“ in den Tod. Die Deportation von 1001 jüdischen Hannoveranerinnen und Hannoveranern am 15. Dezember 1941 nach Riga, S. 64. Karljosef Kreter, Julia Berlit-Jackstien [Hrsg.]. Hannover 2011.

„Mein Herz friert, wenn ich Deutsch höre…“ Aus den Aufzeichnungen von Henny Markiewicz-Simon, geb. Rosenbaum. Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem Band 4. Region Hannover [Hrsg.], Hannover 2006.

 

Autor: Landeshauptstadt Hannover – ZeitZentrum Zivilcourage
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