Biografien von Opfern der Deportationen aus Nordwestdeutschland zwischen 1941 und 1945

Die Deportationen in die Vernichtungslager bildeten im nationalsozialistischen Deutschland für verschiedene Bevölkerungsgruppen den Abschluss einer radikalisierten Diskriminierung und Entrechtung. Das Ziel war eine nach rassistischen Kriterien „reine Volksgemeinschaft“. Nur wenige der Verschleppten überlebten den Massenmord.

Die Biografien der Opfer aus Nordwestdeutschland zeigen den Prozess der stufenweisen Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Die prägnant gehaltenen Texte beantworten dabei nicht alle Fragen. Sie können aber als Ausgangspunkt für weitere Recherchen vor Ort dienen.

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Transport Hannover – Riga 15. Dezember 1941

Martha Lipmann, geb. Spier

aus Stolzenau (Landkreis Nienburg/Weser)

1889 - 1944

Verfolgt als Jüdin

Familienfeier
Die Familie Lipmann bei der Bar Mizwa des ältesten Sohnes Erich Marcus, 1925 (Privatbesitz Robert Lipman, USA)

Marta Lipmann, geb Spier, wurde am 19. Januar 1889 in Frankfurt am Main geboren. Sie heiratete den Wollkaufmann Gustav Lipmann aus Stolzenau an der Weser. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Erich Marcus (1912), Gertrud Esther (1916) und Hans Martin (1921).

Gustav Lipmann entstammte einer sehr großen und bedeutenden Stolzenauer Kaufmannsfamilie, die unter anderem den Bau der Synagoge, der Turnhalle und auch des „Kriegerdenkmals“ mit finanziert hatte, denn Gustavs Bruder Martin war im Ersten Weltkrieg 1916 als Soldat gefallen.

1926 verstarb Gustav Lipmann plötzlich und wurde als angesehener Bürger Stolzenaus, als Schützenkönig, Bürgervorsteher und Vorsitzender der Synagogengemeinde öffentlich betrauert. In der Todesanzeige des Magistrats hieß es: „Was der Verstorbene Stolzenau gewesen, wollen wir stets in dankbarer Erinnerung halten.“

Nur gut zehn Jahre später waren alle drei Kinder bereits aus Deutschland geflohen: Erich lebte in den USA, Gertrud mit ihrem Mann Max Stern in Belgien, und für Hans Martin war es gelungen, einen Platz in einem Internat in England zu bekommen. Er hatte sich aufgrund der Repressalien seiner Mitschüler geweigert, in Stolzenau länger die Schule zu besuchen. Marta Lipmann blieb zunächst in Stolzenau, wurde aber schließlich gezwungen, nach Hannover in ein „Judenhaus“ in die Bergstraße 8 zu ziehen. Besonders der ältere Sohn Erich bemühte sich von den USA aus intensiv, der Mutter ebenfalls die Auswanderung zu ermöglichen. Aus der Zeit zwischen 1936 und 1942 ist ein reger Brief- und Telegrammverkehr erhalten, der belegt, wie Erich Lipmann durch Kontakte, Empfehlungsschreiben und Bestätigungen seiner gesellschaftlichen Integration versuchte, die Visumserteilung für seine Mutter zu beschleunigen. Doch zu spät erhielt Martha Lipmann den Bescheid, dass ihre Ausreise nach Kuba am 15. November 1941 über Lissabon möglich sei. Die Auswanderung von Juden aus Deutschland war da bereits verboten.

Am 15. Dezember 1941 wurde Martha Lipmann von Hannover aus in das Ghetto Riga deportiert und am 23. Dezember 1944 im KZ Stutthof ermordet.

 

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Nachruf der Stadt Stolzenau für den Ehemann von Martha Lipmann, Stolzenauer Wochenblatt 1926 (Privatbesitz Robert Lipman, USA)

 

Autorin: Ute Müller, Stolzenau

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